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Eine Orgel mit Geschichte

Vom Barock bis heute – die Orgel der Laurentiuskirche

Die Geschichte unserer heutigen Orgel beginnt 1717/18, als der Hanauer Orgelbaumeister Johann Nikolaus Schäfer ein neues Werk mit zehn Registern im Manual und vier im Pedal errichtete. Sein prächtiger, neunfach gegliederter Barockprospekt mit vergoldeten Schnitzereien ist bis heute erhalten und prägt das Erscheinungsbild der Orgel.

1881 erweiterte der Möttauer Orgelbauer Gustav Raßmann das Instrument grundlegend: Ein zweites, schwellbares Manual kam hinzu, die Orgel wuchs auf zwanzig Register. Klanglich machte dieser Umbau die Musik der Romantik in der Laurentiuskirche nun authentisch spielbar, mit einem schwellbaren Manual, das dynamische Steigerungen und weiche Übergänge ermöglichte, wie sie die romantische Orgelliteratur verlangt – ohne den historischen Schäfer-Prospekt anzutasten.

Das 20. Jahrhundert brachte der Orgel schmerzliche Verluste: Im Ersten Weltkrieg mussten 1917 sämtliche sichtbaren Zinnpfeifen des Prospekts an den „Reichsmilitärfiskus“ abgegeben werden – das Metall wurde für die Rüstung benötigt. Erst 1924 ersetzte man sie notdürftig durch stumme Zinkpfeifen. Diese Wunde in der Substanz der Orgel blieb fast fünfzig Jahre lang sichtbar.

Ein Wendepunkt kam mit der großen Erneuerung von 1971/72. Orgelbaumeister Günter Hardt, der Orgelsachverständige Peter Albrecht und der Organist und Organologe Prof. Dr. Wolfgang Metzler entwarfen gemeinsam mit dem amtierenden Organisten Adolf Rückert einen Plan, der bewusst auf den Erhalt der historischen Substanz setzte: Die noch vorhandenen Pfeifen Schäfers sollten so weit wie möglich bewahrt werden – ein Anliegen, das angesichts des Verlusts vieler vergleichbarer Instrumente in der Region besondere Bedeutung hatte. 1972 entstand so die heutige zweimanualige Orgel mit 31 Registern, intoniert von Hans Peter Mebold, mit neu eingesetztem Zinnprospekt anstelle der Kriegsersatz-Pfeifen.

Diese Sorgfalt im Umgang mit dem historisch Gewachsenen ist bis heute Leitgedanke der Usinger Orgelpflege – und genau in dieser Tradition steht auch das aktuelle Restaurierungs- und Erweiterungsprojekt.

Warum eine Restaurierung notwendig ist

Die Usinger Orgel vereint Bauteile und Pfeifen aus mehreren Jahrhunderten und ist damit ein außergewöhnliches Zeugnis der Orgelbaugeschichte. Zu ihren wertvollsten Bestandteilen zählen zahlreiche Pfeifen der Schäfer-Orgel von 1717/18, die bis heute erhalten sind.

Im Laufe von mehr als 300 Jahren wurde das Instrument immer wieder den klanglichen Vorstellungen seiner jeweiligen Zeit angepasst. Dabei erfolgten zahlreiche Umbauten, Erweiterungen und Veränderungen an Registern und Pfeifen. Auch im 20. Jahrhundert wurden Register umgestellt und Pfeifenmaterial verändert, um den damaligen Klangidealen zu entsprechen.

Mit dem Neubau von 1971/72 rückte erstmals der bewusste Erhalt der historischen Substanz in den Mittelpunkt. Zahlreiche historische Pfeifen – insbesondere aus der Zeit Johann Nicolaus Schäfers und Gustav Raßmanns – wurden übernommen und in das neue Werk integriert. Dennoch waren auch damals Anpassungen und Umgruppierungen einzelner Pfeifen erforderlich.

Heute zeigen viele der historischen Pfeifen deutliche Alterungserscheinungen. Materialermüdung, Risse, Verformungen sowie die Spuren früherer Umbauten beeinträchtigen ihre Stabilität und ihre klanglichen Eigenschaften. Ziel der geplanten Restaurierung ist es daher, diese wertvolle historische Substanz dauerhaft zu sichern, die Klangqualität der erhaltenen Pfeifen wieder bestmöglich zur Geltung zu bringen und das bedeutende Kulturgut für kommende Generationen zu bewahren.

Quellen

  • Helmut Fritz: Evangelischer Orgel-Report – 400 Jahre Orgelgeschichte in der Evangelischen Laurentiuskirche Usingen, überarbeitete Fassung 2025
  • Wolfgang Metzler: Die Entwicklung des Klanges der Orgel in der ev. St. Laurentiuskirche zu Usingen/Ts. von 1881 bis in die Gegenwart, Sommer 2016
  • Wolfgang Metzler: Die Orgel in der evangelischen Laurentiuskirche zu Usingen seit 1881, in: ars organi, Dezember 2018